Grigory Sokolov in der Glocke

Schon wieder die Glocke, diesmal mit einem Klavierabend. Im Mittelpunkt standen Schumann, Chopin und Schubert, dargeboten von einem der bemerkenswertesten Pianisten unserer Zeit. Möge sein kompromissloses Künstlertum noch lange den Widrigkeiten des Konzertbetriebes gewachsen sein. Mögen ihm Klavierstimmer beschieden sein, die vorausberechnen können, welche physische Beanspruchung des Instruments aus der Entfesselung höchster künstlerischer Energie erwachsen kann. Möge er weiterhin ertragen, dass immer irgendwann ein Handy Laut gibt, dass sich immer übereifrige Applaudierer finden werden, die entweder in das noch nicht Verklungene hineinklatschen oder der hörbaren Stille zwischen zwei Sätzen unbedingt den Garaus machen müssen. Möge er sich noch lange die Hoffnung erhalten, dass er durch sein Spiel seinem Publikum einen Anreiz gibt, dem Beispiel seiner Konzentriertheit zu folgen. Möge es ihm immer wieder gelingen ( wie auch in diesem Konzert ), schon aus den ersten Tönen der Schumannschen Arabeske einen Raum erstehen zu lassen, der so dicht, so klangerfüllt ist, dass er fast beginnt, sichtbar zu werden; möge er in dem B-Moll der Chopin Sonate immer wieder in Bereiche vordringen, die zeigen: weit im Leben ist nah am Tod - aber in Todesnähe lässt sich sehen, was sonst verborgen wäre. Möge er seine Programme weiterhin so disponieren, dass Schubert sinnvoll auf Chopin folgen kann, dass die alten Schlachtrösser der Klavierliteratur nicht gespielt werden, weil das Publikum darauf besteht, sondern weil der Künstler es für richtig hält; möge er es weiterhin so halten, aber nicht weil ich es will, sondern weil es von ihm gewollt sein soll.

 

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